Leseproben 


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Curdin Ebneter/Erich Unglaub, Erinnerungen an Rainer Maria Rilke

 

Edmond Jaloux: Die Handschrift

Wenn ich an Rilke denke, sehe ich diese herrliche, so wunderbar kalligrafisch ausgeführte Handschrift vor mir, eine Mischung aus altdeutscher und lateinischer, von weitem gar orientalisch anmutender Schrift, ähnlich jener Mallarmés; und ich sage mir, dass aus dieser haarstrichfeinen Feder sein ganzes Schicksal geflossen ist, dass es nicht eine Geste, Handlung und Entscheidung, keine einzige Liebe oder Entbehrung gab, die er nicht mit derselben Hand, welche die Buchstaben der Duineser Elegien und der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge aneinanderfügte, voll und ganz hätte unterschreiben können.

 

Jacques Benoist-Méchin: Sensibilitäten

Meine erste Begegnung mit Rilke habe ich noch sehr lebhaft in Erinnerung. Es war bei Madame D***. Schon beim ersten Anblick tat er mir, ich gebe es zu, unendlich leid. Alles schien ihm Schmerzen zu bereiten – der zu helle Schein der Lüster, die zu laute Unterhaltung. Er sah aus, als wäre er dem Dämmer der Tiefe entstiegen, und seine Höflichkeit verstärkte mein um seinetwillen empfundenes Unbehagen nur. Indem ich ihn aus der Stille riss, fügte ich ihm gewissermaßen ein Unrecht zu, eine unnötige Grausamkeit. Ich spürte, dass er unter jedem Satz von mir litt, wie diese wunderbar empfindsamen Pflanzen, die bei den unmerklichsten Veränderungen der Licht- und Schattenverhältnisse die Blätter einziehen oder entfalten. Doch gelang es mir nicht, den undefinierbaren Eindruck, den er auf mich machte, zu benennen. Erst lange später fiel mir der Ausdruck ein, der den Hauptzug von Rilkes Wesen und Begabung für mich am treffendsten umschreibt: taktile Sensibilität. 



John Jeremiah Sullivan, "Die Ballade von Geeshie und Elvie"

 

Auf der Fährte zweier Phantome, die Amerikas Musik veränderten und dann spurlos verschwanden

 

In der Welt der afroamerikanischen Musik des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und der von ihr Besessenen - je nach Blickwinkel ein Klübchen blasser, misanthropischer Forscher und Sammler oder ein stattlicher Brocken der Menschheit - gibt es keine quälenderen Geister als zwei Frauen, die auf drei ultraseltenen, 1930 und '31 aufgenommenen Schallplatten als Elvie Thomas und Geeshie Wiley ausgewiesen sind. Über manche Musiker ist genauso wenig bekannt, und andere waren ebenso großartig, aber bei keinem ist die Schnittmenge aus Großartigkeit und Vergessenheit so immens und verblüffend. Im Frühjahr 1930 nahm das Duo in einem klammen, schummrigen Studio eines am Westufer des Lake Michigan gelegenen Dörfchens von Wisconsin einen Schwung Songs auf, die seit mehr als einem halben Jahrhundert zu den Meisterwerken der amerikanischen Vorkriegsmusik zählen, insbesondere Elvies Motherless Child Blues und Geeshies Last Kind Words Blues, die wie zwei Alpengipfel aus ihrem winzigen Œuvre ragen, ein klassisches Arrangement, das zu Essays, Romanen, Filmen und Coverversionen inspiriert hat.

     Doch trotz über fünfzigjährigen Forschungsbemühens herauszufinden, wer die zwei Frauen waren und woher sie stammten, kennen wir noch nicht einmal ihre bürgerlichen Namen. Die vor vielen Jahrzehnten gesammelten vagen Erinnerungen ein, zwei steinalter Leute aus Mississippi schienen in die Südhälfte des Bundesstaates zu weisen, aber keine führte zu etwas Handfestem. Ein paar Leute meinten, im Gitarrenspiel oder der Aussprache eines Songtexts louisianische oder texanische Anklänge zu hören. Wir wissen, dass das Wort Geechee, mit c, einen Angehörigen der stark afrikanisch geprägten Gullah-Kultur auf den Inseln vor der Küste Georgias und North wie South Carolinas bezeichnen kann. Doch auch dort kam nichts zum Vorschein. Noch sonst irgendwo. Keine Grabstätte, keine Fotografie. Anekdoten? Vergessen Sie's. Das hob Geeshie und Elvie noch aus dem kleinsten Kreis von Phantomgenies der zwanziger und dreißiger Jahre heraus. Ihr Mythos bestand darin, dass es nichts gab, woran man auch nur einen Mythos aufhängen konnte. Die Akte Geeshie & Elvie enthielt einzig die Objekte selbst - im Ganzen weniger als zehn noch vorhandene Exemplare ihrer drei bekannten Paramount-Veröffentlichungen, eine Handvoll schwerer, schwarzer Schellackplatten mit tiefen Kratzern, allesamt in Privatbesitz -, und sogar sie hatte nur ein flüchtiger Sinneswandel vor dem Untergang bewahrt, die Entscheidung einer Frau etwa, beim Ausräumen des Speichers ihrer Eltern nicht den trägen Rat zu befolgen, sie solle den Karton mit alten Schallplatten doch auf den Müll werfen, sondern stattdessen zu erkunden, was der Trödelladen dafür zahlt. Entscheidet sie sich anders, liegt der Laden nicht auf dem Nachhauseweg, geht dahin die Musik, gehen dahin die Seelen, stieben Ascheflocken den Rauchfang empor und wirbeln mit der Wachswalze von Buddy Boldens Band und dem Phonautogramm von Lincolns Stimme davon.

     Seit ich diese Musik, wie viele andere meiner Generation, erstmals in Terry Zwigoffs Crumb gehört habe, einem Dokumentarfilm von 1994 über das Leben des Künstlers Robert Crumb, in dem Last Kind Words für eine besonders lebhafte Montagesequenz verwendet wird, bin ich von ihr fasziniert. Und auch die Suche nach Geeshie und Elvie habe ich über die Jahre aufmerksam verfolgt, schlicht wegen der fesselnden Rätselhaftigkeit, die sie umgab, aber in erster Linie - und darum wurde es nie langweilig - wegen ihrer Musik.

     Jenseits aller großspurigen Versuche, die technische Schönheit der Songs zu beschreiben, besitzen sie eine Facette, die ihre Faszination noch steigert, nämlich eine gewisse Zeitkapsel-Dimension. Das Jahr 1930 mag fern genug erscheinen, doch weit ältere Lieder und Stimmen durchwehen diese Musik, Weisen aus dem amerikanischen Liederbuch, von denen wir wissen, dass es sie vor dem Bürgerkrieg gegeben hat, die wir aber, wenn überhaupt, nur schwach vernehmen. Ein Song, Geeshies Last Kind Words - eine Art Vorläufer des Blues oder Beinahe-Blues, eine düstere Klage in Moll mit seltsam stampfendem, auf der Basssaite gespieltem Rhythmus - beschwört bordunierende Banjosongs aus der Zeit lange vor der Ära billiger Gitarren herauf. "If I get killed", singt Geeshie, "if I get killed, please don't bury my soul". Motherless Child, ein Blues mit vierzeiligen, 16-taktigen Strophen, setzt mit der viermaligen Wiederholung derselben Zeile ein, "My mother told me just before she died", AAAA, ohne Abwandlung, nur die seufzend gesungenen Worte, jedes Mal mit quälend subtilen Mikrovariationen, Tönen, die so blue sind, dass sie schon mit tonalem Chaos flirten. Generationen von Spirituals durchstreifen Motherless Child, Feldgesänge und Arbeitslieder strömen hindurch, und über allem liegt ein enormes, unwiderlegbares Raffinement. Elvies Töne schweben. Sie lässt sie dahingleiten wie kleine Segelschiffchen über einen Teich. Motherless Child ist ihr einziger Song, das einzige der sechs Lieder, bei dem sie meinem Gehör nach die Leadstimme singt - manche glauben, bei Over to My House sei es ebenfalls sie. Bei den anderen Songs begleitet sie Geeshie, auch wenn ihr Gesangsanteil noch erheblich ist. Der berühmte Joe Bussard, einer der führenden Sammler von Schellackplatten aus der Vorkriegszeit, fand Mitte der sechziger Jahre eines der zwei bekannten Exemplare von Motherless Child in einem Antiquitätengeschäft im Hafenviertel von Baltimore. Es heißt, Bussard habe früher Leute zu sich eingeladen, um ihnen den ersten Ton von Motherless Child vorzuspielen, nur die ersten paar Sekunden, immer wieder, ein E, das Elvie anschlägt und stehen lässt. Erst klingt es nach gar nichts und dann, nach mehrmaligem Hinhören, wie nichts anderes. "Baby, now she's dead, she's six feet in the ground", singt sie. "And I'm a child, and I am drifting 'round."

 

 

Sarah Manguso, "Die Zeit festhalten"

 

Wie viele Mädchen bekam ich ein Tagebuch geschenkt. Es hatte auf jeder Seite Teddybärbilder. Aus Pflichtgefühl trug ich hin und wieder etwas ein.

     Als ich neun war, nahm ich das Tagebuch mit in den allsommerlichen Badeurlaub. Abend für Abend hielt meine Mutter mich dazu an, etwas hineinzuschreiben. Es machte mir keinen Spaß, und ich entsinne mich, dass sie mir Zeilen diktierte wie: "Im alten Ortskern stehen die Türen der Geschäfte einladend offen."

     Damals brauchte ich kein Tagebuch. Mir war noch nicht klar, wie viel ich vergaß.

 

Ernsthaft fing ich mit dem Tagebuchschreiben an, als ich mich in übervollen Augenblicken wiederfand.

     Bei einer Vernissage in den späten Achtzigern stand ich mit einem Plastikbecher Wein in der Hand vor einem Gemälde neben einem Freund, den ich liebte. Es war einfach zu viel.

     Ein Teil von mir verblieb in diesem Augenblick, bis ich nachts alles Geschehene und alles währenddessen Gedachte und alles beim Aufschreiben des Erinnerten Gedachte niederschrieb.

     Es war nicht das erste Mal, dass ich diesen Zwang verspürte, aber beim Schreiben über die Vernissage wurde mir klar, dass meine Selbstdokumentation tägliche (oder mehr als tägliche?) Praxis werden musste.

     Heute war ein sehr voller Tag, aber das Heute ist nicht das Problem. Das Problem ist das Morgen. Ich könnte mich von heute erholen, wenn morgen nicht wäre. Es sollte Extratage, Puffertage zwischen den echten Tagen geben.

     Wenn ich mir erlaubte, mehr als einen Tag durch unerfasste Zeit zu treiben, so meine Befürchtung, würde ich mitgerissen, mich an den Sinn des Weitermachens nicht mehr erinnern.

     Fünfundzwanzig Jahre später ist diese Praxis fester Bestandteil meiner täglichen Hygiene. Eher würde ich aufs Baden verzichten.

 

[...]

 

Dann wurde ich Mutter. Ich begann, anders in der Zeit zu leben. Es hatte mit Sterblichkeit zu tun. Ich führte weiterhin Tagebuch, aber meine Sorge um die verlorenen Erinnerungen ließ allmählich nach.

 

Beim Stillen eines Säuglings entsteht so viel leere, verlorene Zeit. Von den nächtlichen Stillmahlzeiten weiß ich nichts mehr. Von den Stillmahlzeiten am Tag weiß ich fast nichts mehr.

     Es war ein anderes Nichts als das unaufgezeichnete Nichts der Jahre davor; dieses neue Nichts war bar subjektiver Erfahrung. Entweder schlief ich oder war schlaftrunken, die ganze Zeit.

     Tag und Nacht bestanden aus dem Zuführen und Abführen von Milch, oft notfallartig, aber alle Notfälle glichen einander. Im Morgengrauen sah ich auf dem Fußboden des Kinderzimmers ein Häufchen winzig kleiner feuchter Decken und Kleider, aber ich erinnerte mich nie daran, das grüne Hemdchen gegen das gelbe ausgetauscht zu haben.

     In meinem Erleben heißt Stillen warten. Die Mutter wird zum Hintergrund, vor dem das Baby lebt, zu Zeit.

     Früher existierte ich vor dem Hintergrund des Zeitkontinuums. Dann wurde ich zum Kontinuum für das Baby, zu einem Hintergrund aus fortlaufender Zeit, vor dem es lebte. Ich war die Wärme und die Milch, die immer für das Baby da waren, der Wohlbehagenspender, der immer für es da war.

     Mein Körper, mein Leben wurden zur Landschaft im Leben meines Sohns. Ich bin nicht mehr nur ein in der Welt lebendes Ding; ich bin eine Welt.

 

[...]

 

In einem Traum bekam mein kleiner, zahnloser Sohn sämtliche Zähnchen. Ich hatte lange genug weggeschaut, damit sie alle hervorkommen konnten, sogar die hinteren Backenzähne, der Zeit um Monate, Jahre voraus, sein lückenloser Kiefer ein weiß-rosa Zeitmesser.

     Im nächsten Traum war sein flaumiges Haar ganz lang geworden, so dass ich es mit einer stumpfen Schere abschneiden musste. Wieder hatte sein Körper vergehende Zeit festgehalten, Zeit, die mir entgangen war.

     Monatelang wachte das Baby um sieben auf, trank, schlief um halb neun ein, wachte um zehn auf, trank, schlief um halb zwölf ein und den ganzen Tag so weiter. Ich hatte es zu einer Milchuhr gemacht.

     Jede Stunde gehörte zu einer ritualisierten Zeremonie des Addierens oder Subtrahierens von Milch. Ein Strom aus Milch floss ein und aus und um das Baby. Milchstromab trieb es seinem weiteren Leben entgegen.

 

[...]

 

Seit das Baby da ist, frage ich mich immer noch gelegentlich, ob ich ein Baby bekommen, ob ich heiraten, ob ich in irgendeine Stadt ziehen soll, in die ich schon gezogen bin, die ich schon verlassen habe. All die großen Fragen umgeistern mich immer noch, und in seinem von Schlafentzug getrübten Bewusstsein des gegenwärtigen Augenblicks behandelt mein Gedächtnis diese vergangenen Augenblicke, als würden sie noch immer alle geschehen.

     Noch nie ist mir so klar gewesen, dass lineare Zeit eine Summe wirklicher Zeit ist, des allzeitlich Endlosen, das schon immer geschieht.

 

Das Beste am Vergehen der Zeit ist das Privileg, nicht mehr genug von ihr zu haben, zu sehen, wie die Welle der Sterblichkeit über mir und jedem, den ich kenne, zusammenschlägt. Keine Zeit mehr, kein Potential. Das Privileg, Dinge auszuschließen. Zum Ende zu kommen. Zu wissen, dass ich am Ende bin. Und zu wissen, dass die Zeit ohne mich weitergeht.

 

Oft glaube ich, auf ein Ergebnis hinzuarbeiten, aber wenn ich es erreicht habe, wird mir jedes Mal klar, dass das Schöne ganz in der Planung und im Weg dorthin lag.

     Es beruhigt mich, dass Enden mich formal nicht reizen - froher als Anfangen oder Abschließen stimmt mich das Weitermachen.          

             

 

Martha Turewicz, "Berliner Geister"

 

Angenommen, ich erzähle dir eine Geschichte über einen Freund von mir, der prahlte, er könne nicht mehr stehen. Wie er im roten Schummerlicht schwankte, strömte er eine dumpfe Hitze aus. Sprechen konnte er noch, aber ihn zu verstehen war schwer. Ich setzte ein nettes Lächeln auf und schob ihn weg.

 

Du bist in einem Club, auf einer Party. Eine Party in einem Club? Vielleicht würdest du es einfach Clubnacht nennen. Jedenfalls: Du hast mehrere Unterkleider übereinander an, über den Dessous. Als ergäben ein paar Lagen hauchdünnen Chiffons etwas Richtiges zum Anziehen, ein einziges, festes Kleid.

 

Im Gesicht trägst du schwarzen Lippenstift. Oder vielmehr mit Vaseline vermischten schwarzen Lidschatten, aufgetragen mit einem Lippenpinsel, den du so gut wie nie benutzt. Aber heute Abend!

 

Ich bin keine von denen, tuschelst du, auf der Party umherblickend, deinem Freund zu. Obwohl du es vielleicht - wahrscheinlich - doch bist. Eine wirklich gute Party hinzukriegen ist echt schwer, fügst du hinzu. Da sind sich alle einig.

 

Du, meine Liebe, hast es drauf. Du weißt, wie man zur Musik abhebt.

 

Hier, heute Abend. Seltsam, dass du dich an einen bestimmten Ort begeben musst, um das Gefühl zu haben, du wärst überhaupt nirgendwo. Als wärst du nichts als luftiger Schall.

 

[...]

 

Freunde, Freunde, was soll ich sagen. Tja. Formuliert's mal so: Unsere Leben hatten das Zeug zu einem sensationellen Leben, bloß ohne die Sensation.

 

Ein Freund von mir fotografiert uns gern in unseren schlimmsten Augenblicken - wenn wir schielen, hinfallen, die Besinnung verlieren. Er hat mir verraten, dass er die Fotos in einem Extraordner speichert, und mir ein paar gezeigt. Wir sehen alle wie Gargoyles aus. Sein Lachen: schnoddrig. Was für ein Freund macht so was?

 

Einmal schnorrte ich mir von einem anderen Freund eine Zigarette, und er meinte, er hätte mich noch nie nüchtern gesehen. Ich protestierte, das könne nicht sein. Na, sagte er, vielleicht ein Mal nur mit ein bisschen Wein. Trotzdem.

 

[...]

 

Später, weit später, wird uns aufgehen, dass wir die vielen, vielen Male auf der Schwelle des Todes getanzt haben. In uns schlummern Geheimnisse, die wir noch nicht kennen. Löcher und Risse, Anomalien. Später wird man sie finden, wenn unser Hirn herausgeschnitten wird, nachdem wir gestorben sind.

 

  

Wells Tower, "Reinwasser"

  

Cora erwachte vor Sonnenaufgang. Der Meeresbrodem der Salzwände und die Erinnerung an Arn Nevis' Beinahetod verschmolzen zu einem allgemeinen Unbehagen, das sie nicht schlafen ließ. Sie stand auf, schulterte Stativ und Kamera und ging nach draußen, um das Hereinbrechen des Tages zu beobachten. Barfuß überquerte sie die Naiad Lane und spazierte ans Wasser. Es gab kein richtiges Ufer oder einen Strand, nur eine harte Marsch aus angeschwemmten Mineralien, kristallin und durchscheinend, man lief wie auf warmem Eis. Der Morgenhimmel hatte schillernde Streifen von Lavendel bis Blaugrau, das Farbspektrum am Hals einer männlichen Taube. Cora bannte den Lauf des Lichts auf Fotoplatten: wie es in einem breiter werdenden Band auf das dunkle Schlüsselbartprofil der Berge im Westen fiel, dann die zwei mittelhohen Wohntürme von Port Miracle einfärbte und schließlich der schlagartig entflammende Morgen, als Rot auf Rot traf und das Meer erstrahlte und mit ihm das ganze Tal, ein Augenblick so plötzlichen Gleißens, dass man förmlich das Zosch! beim Einschalten des Flutlichts im Stadion hörte.  

     [...]  

     Nach dem Schwimmen wollte Cora zu Fuß Port Miracle erkunden. Rodney mit seinen kranken Knöcheln sagte, er sei glücklich und zufrieden, wenn er den Rest des Morgens mit einem Taschenbuch von Jack London auf seinem sandigen Plätzchen in der Herbstsonne liege. Also zog Cora mit der Kamera los, zunächst zum fast vollbesetzten Wohnmobilplatz, wo die großen weißen Fahrzeuge strahlend hell aufgereiht standen wie ungebackene Brotlaibe. Sie lief durch das Viertel dahinter mit Ferienhütten aus Glas, Profilsperrholz und Blech. Sie fotografierte Kinder, die mit nacktem, indianerbraunem Oberkörper auf einer staubigen Fläche bolzten, und einen Mann mit Lederhaut auf einem verblichenen Gartensessel, der sich Chilisauce ins Bier kippte. Sie ging zur Bootsrampe, wo fünf rosarote Frauen, allesamt vom Umfang einer Seekuh, auf ein Pontonboot stiegen. Cora bat darum, sie ablichten zu dürfen, aber sie hielten scheu und kichernd die Hände vors Gesicht, und Cora zog weiter.

  

  

Wells Tower, "Leopard"

  

Barfuß ziehst du über den Rasen los. Die Erde unter deinen Zehen ist von Maulwurfsgängen aufgeplüscht. Es ist ein heißer Herbsttag. Der klare Himmel lässt die Bäume wie Fernsehrequisiten mit einer blauen Wand dahinter aussehen. Du hast schon keine Sommerhornhaut mehr an den Füßen, und der Schotter auf der Auffahrt pikst, so dass du halb hüpfend und mit angewinkelten Ellbogen läufst, wie ein Vogel, der aufzufliegen versucht. Du gibst deinem Stiefvater die Schuld daran, dass der Schotter sich so unangenehm anfühlt, und alle paar Schritte packst du eine Handvoll und schleuderst sie in den Wald, in der Hoffnung, dass es viel Geld kostet, den weggeworfenen Schotter zu ersetzen.    

     [...]   

     Du klappst den Briefkasten auf. Er ist vollgestopft bis oben hin mit Zeitschriften, Rechnungen, Katalogen und Werbeprospekten, auf denen reihenweise rotes Supermarktfleisch zu sehen ist, dessen Anblick die Entzündung an deiner Lippe pulsieren lässt. Es müssen fünf Kilo Post sein, eine rutschige Fracht, die keinem Kranken zugemutet werden sollte. Ganz oben auf dem Haufen fällt dir etwas ins Auge. Es ist ein selbstgebasteltes Flugblatt mit dem kopierten Foto eines Leoparden, wie es scheint. „Haustier entlaufen“ steht auf dem Flugblatt und darunter eine Telefonnummer. Ein Windhauch rieselt dir den Nacken hinunter. Du schaust in den Wald, wo du nichts entdecken kannst. Das Laub hängt noch an den Bäumen und man sieht keine sechs Meter weit. Du schaust wieder auf das Flugblatt. Der Leopard sieht dürr und nicht sehr furchterregend aus, aber dein Herz klopft ein wenig heftiger, nun da es weiß, dass er vielleicht dort draußen umherstreift, in der dämmrigen Kiefernwüste bei deinem Zuhause, und mit seinen gefleckten Pfoten lautlos über Baumwurzeln, Kiefernnadeln und blätterbedeckte Funde von uralten Bierdosen und Arzneimittelfläschchen tritt, die achtlose Menschen vergangener Tage dort liegen gelassen haben. Jetzt, wo der Leopard da draußen ist, kommt dir der Wald auf einmal berühmt vor.

     Von weit oben an der Auffahrt hörst du wieder das Aufdröhnen des Laubhäckslers, ein Geräusch von erschreckender Grobheit und Dummheit, eine Beleidigung für das Ticken und die leisen Bewegungen des lebendigen Waldes rings um dich her. Wenn dieser Leopard irgendwo hier draußen ist, fühlt er sich sicher gestört durch die Entweihung der Stille. Für einen Leoparden wäre es ein Leichtes, sich von hinten an deinen Stiefvater heranzuschleichen und ihn fortzuschleppen, ohne Spur.

     Es ist fast ein Uhr, die Zeit, um die deine Mutter zum Mittagessen heimkommt. Du willst nicht allein mit deinem Stiefvater im Haus sein. Es ärgert dich noch immer, dass er dich an deinem Krankentag, deinem Extraerholungstag, die Auffahrt hinuntergeschickt hat. Du gehst ein paar Meter, da kommt dir ein Plan. Ganz sorgfältig verstreust du die Post in einem unordentlichen Fächer auf dem Schotter der Auffahrt, so dass es aussieht, als wäre sie dort plötzlich fallen gelassen worden. Behutsam legst du dich in eine Radfurche und streckst Arme und Beine von dir wie jemand, der einen Ohnmachtsanfall erlitten hat. Wenn der Wagen deiner Mutter in die Auffahrt schwenkt, wird sie dich dort finden. Vielleicht muss sie auf die Bremse steigen, um dich nicht zu überfahren, aber so weit, wie du von der Einfahrt entfernt bist, glaubst du nicht, dass sie dich versehentlich erwischen könnte. Weinend und bang wird sie zu dir eilen. Und nach und nach wirst du sie dir entlocken lassen, die Geschichte, wie dein Stiefvater dich gezwungen hat, die Post zu holen.   

     Beweg dich nicht. Achte nicht auf den Schotter, der sich dir in die Wange gräbt. Verdirb nicht die Szene. Vielleicht kauft sie es dir sowieso nicht ab. Schon jetzt ist sie auf dem besten Weg zu glauben, was dein Stiefvater ihr immer wieder über dich sagt: dass du ein kleiner Betrüger bist, der lügt, wenn er bloß den Mund aufmacht.  

     Ein Insekt, wahrscheinlich eine harmlose schwarze Ameise, marschiert dir hinten am Bein hoch. Viele Minuten verstreichen. Während die Zeit vergeht, beginnt das schwindelerregende Hochgefühl, in das dich deine geniale List anfänglich versetzt hat, zu Scham zu zerrinnen. Du beschließt zu warten, bis zehn Autos auf der Asphaltstraße vorbeigerauscht sind, und wenn deine Mutter dann noch nicht da ist, stehst du auf und läufst zum Haus zurück.

     Das sechste Auto hörst du plötzlich bremsen, zurücksetzen und dann in die Auffahrt rollen. Es ist nicht der Wagen deiner Mutter. Es ist ein Wagen mit großem, geschmeidig schnurrendem Motor. Vielleicht UPS oder jemand, der wendet. Lieg ganz still.  

     Eine Tür geht auf, und vor Schreck fühlt sich deine Zunge auf einmal ganz dick an. Du hältst die Augen fest geschlossen. Schuhe mit derber Sohle knirschen über den Schotter auf dich zu.  

 

 

Francisco X. Stork, Marcelo in the Real World

 

Wir, oder besser gesagt: Jasmine paddelt nah am Ufer entlang, wo der Schatten der Bäume aufs Wasser fällt. Dann steuert sie das Kanu direkt auf einen umgestürzten Baum zu. „Duck dich“, sagt sie. Schnell ziehe ich den Kopf ein, und wir gleiten durch einen so engen Spalt, dass nur ein schmales Kanu wie unseres hindurchpasst, und im nächsten Augenblick sind wir auf einem noch entlegeneren See, der ringsum von Büschen mit roten, gelben und weißen Blüten umgeben ist. Als wir in der Mitte der kleinen Bucht sind, höre ich ein Plumpsen, und das Kanu bleibt stehen. Ich drehe mich um und Jasmine flüstert: „Der Anker.“ Dann legt sie den Finger an den Mund.  

     Ich lasse mich auf den Boden des Kanus nieder und lausche. Ich lausche dem wiederkehrenden Sirren von Jasmines Angelleine. Ich lausche den Platschern im Wasser. Ich höre das Summen von Insekten, den Wind, der durch die Bäume rieselt, die Wellen des Sees und hin und wieder den hohen Laut eines großen Vogels, ein Klagelaut.  

     Wie ist Ixtel zu einem Teil meines Lebens geworden? Die Welt ist voller Ixtels, denen ich helfen kann, ohne meinem Vater zu schaden. Warum sie? Weshalb hat mich ihr Leid berührt? Vater. Durch das, was mein Vater getan hat, fühle ich mich ihr verbunden. Ich fühle mich verpflichtet, das Unrecht meines Vaters wiedergutzumachen. Aber warum? Sollte das Wohl meines Vaters nicht an erster Stelle stehen? Sein Wohl ist mein Wohl. Wie wägt man die Liebe zu seinen Eltern gegen das Bedürfnis ab, einem Menschen in Not zu helfen? Mein Gefühl sagt mir, dass man das Richtige tun sollte, immer. Diese zweifelsfreie Gewissheit kommt mir unmenschlich vor. Doch diesmal geht es nicht darum, was mein Kopf sagt. Ich höre den richtigen Ton. Ich erkenne den falschen. Vielleicht ist das Richtige wie dieser See, grün und still und tief.

 

[...]

 

Ich schaue in den Nachthimmel. Die Sterne sehen aus wie nadelstichkleine Löcher in einer schwarzen Kuppel, durch die man das helle Licht auf der anderen Seite sieht. Mit offenen Augen liege ich da und lausche Jasmines gleichmäßigem Atem. Dann höre ich ihre Stimme.

„Gestern, als du dich mit Jonah unterhalten hast, da hast du gesagt, ihr hättet euch ausgesprochen. Was hast du damit gemeint? Du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht willst.“

„Wir haben über Liebe gesprochen.“

„O Gott.“

„Er liebt dich.“

„Ich bring ihn um.“

„Aber er glaubt nicht, dass du ihn je lieben wirst.“

„Ich lieb ihn ja. Nur nicht so. Er ist wie ein großer Bruder für mich.“

„Was heißt es denn, jemand so zu lieben? Das versteht Marcelo nicht.“

„Das mit der Liebe ist schwierig, hm?“, sagt sie. „Du bist nicht der Einzige, der Probleme damit hat.“

„Jasmine auch?“

„Manchmal ...“ Sie zögert. „Manchmal verletzen Menschen sich oder andere aus vermeintlicher Liebe. Sie begehen lauter Fehler wegen ihr, wie Sand am Meer.“

„Wie Sand am Meer.“ Der Ausdruck gefällt mir.

„Man macht so leicht was falsch. So schnell kommt man vom Weg ab. Du kannst ruhig ganz genau wissen, was du zu tun hast im Leben und wo, peng, spaziert jemand vorbei, und du lässt dich ablenken, und schließlich läufst du in die verkehrte Richtung oder landest am falschen Ort.“ Sie schweigt, als ob ihre Worte sie an etwas erinnern.

„Ist das Liebe?“

„Ich weiß nicht. Wie soll es das sein, wenn man am Ende unglücklich ist?“

„Ich kann vielleicht gar nicht lieben.“  

Ich höre, wie sie sich auf die Seite dreht, um mich anzusehen. „Wie kannst du nur so was sagen? Denk doch mal daran, was du gefühlt hast, als du das Foto von Ixtel gesehen hast, an dein spontanes Bedürfnis, ihr zu helfen. Das ist Liebe.“

„Aber ich liebe sie nicht so, wie Jasmine es nennt. Jemand so zu lieben, mit solchem Verlangen, wie Wendell es zum Beispiel spürt, scheint für mich unmöglich zu sein.“

„Gott sei Dank. Wendell steht auf der Stufenleiter der Gattung Mensch ganz unten, und das heißt noch ein paar Stufen unter den meisten Tieren.“

„Und dann die vielen Zeichen, durch die einem jemand zu verstehen gibt, dass er einen so mag. Die kenn ich alle nicht.“

„Das findest du schon alles noch raus.“

„Jetzt zum Beispiel. Ich weiß nicht, ob nebeneinander schlafen auch heißt, dass wir miteinander schlafen. Woran erkennt man, wann man mit jemandem schlafen soll? Angenommen, Jasmine wollte Sex haben - wie würde das ablaufen?“

Jasmine lacht. „Ich weiß nicht. Wie ich dich kenne, würden wir wahrscheinlich drüber reden und dann einen Plan aufstellen. Oder wir überspringen das Ganze, und ich fall einfach über dich her.“

„Weißt du noch, am ersten Tag in der Kanzlei hast du zu Marcelo gesagt, er soll sich von Martha fernhalten, weil sie sonst vielleicht über mich herfällt.“

„Und, hat sie das gemacht?“

„Jasmine, mir ist noch eine Frage eingefallen.“

„O nein.“ 

Mit freundlicher Genehmigung der Autorinnen und Autoren sowie der Verlage Nimbus, S. Fischer und Fischer FJB. Zu den bibliografischen Angaben s. unter Übersetzungen & mehr